Good Morning Sir, how do you like India?

Über das Ankommen in meiner Einsatzstelle und die ersten Tage…

Auch wenn mein letzter Blogeintrag, nur ein paar Tage zurück liegt, finde ich es wichtig noch einen zu schreiben, da die ersten Tage so viele Eindrücke in sich hatten.

Nach dem ich im letzten Beitrag über meinen Abschied von Deutschland und den Aufbruch nach Indien geschrieben habe, soll dieser nun von unserer Eingewöhnung in Baghmara handeln.

Nach dem wir am Freitag den 09. August um 2 Uhr Nachts in Kalkutta gelandet waren, blieben wir im dortigen St. Xavier College bis zum Samstag. Die Tage in Kalkutta waren sehr eindrücklich, geprägt vom unbeschreiblichen Verkehr, Lärm und auch Armut. Wer Interesse hat darüber etwas zu erfahren, der lese gerne den ersten Blogbeitrag meines Mitfreiwilligen Florian, der darüber intensiv berichtete.

Den Link zu diesem Artikel finden sie hier:

https://florian.fsj-indien.de/index.php/2019/08/11/die-ankunft/

Wie oben bereits beschrieben begannen wir unsere Reise in den Bundestaat Bihar, in dem sich unsere Einsatzstelle befindet, am Samstag Abend. Die 12 stündige Fahrt bestritten wir mit dem Zug. Und selbst die Zugfahrt war ein Erlebnis für sich. Da die Muslime in den vergangenen Tagen ihr Opferfest feierten, war der Zug bis auf den letzten Platz belegt. Wir reisten in einem indischen Schlafwagen. In diesen Schlafwagen können die Sitzplätze und Bänke zu Liegen umgestaltet werden, darüber befindet sich eine weitere manchmal auch zwei Liegen. Florian und ich reisten zusammen mit Father Jacob. Dieser ist als Schulleiter der St. Xavier´s School unser Projektpartner und somit direkt für uns verantwortlich. Da der Zug total ausgebucht war, mussten wir uns mit drei Sitzplätzen, aber nur zwei Liegen zu Frieden geben. Florian und ich teilten einen der oberen Schlafplätze unter einander auf. Das bedeutete, dass wir alle vier Stunden wechselten. Während der eine auf der oberen Liege relativ bequem schlafen konnte, musste sich der jeweils andere die untere Liege mit dem Father teilen. Dadurch dass in diesem Fall sowohl der Father als auch wir unsere Beine anwinkeln mussten war das nicht sehr angenehm und außer an ein klein wenig Dösen war unten nicht zu denken.

Außerdem störte uns die Klimaanlage des Zuges, die zwar nötig war, aber auch so kalt, dass ich am nächsten Tag Halsweh hatte und Florian Probleme mit der Nase.

Auch darf man nicht vergessen dass in so einem vollen Schlafwagen natürlich auch ordentlich geschnarcht wird. So teilten wir uns den Wagen mit einigen Holzfällern.

Da ich in den Morgenstunden auf der oberen Liege schlafen konnte, kann ich leider nichts vom atemberaubenden Ausblick erzählen, den der indische Norden zu bieten hat.

In Bihar angekommen freuten wir uns schon sehr zu unserer Einsatzstelle zu kommen und nach circa einstündiger Fahrt mit dem Schuljeep waren wir in der St. Xaviers School in Baghmara angekommen. Das erste was wir sahen war das Fathers House, das Gebäude in dem die Jesuiten vor Ort leben. Das Fathers House ist ein einstöckiges Haus, welches neben den Zimmern der Jesuiten auch die Kapelle der Schule, einen Computerraum, Küche und Esszimmer sowie einige Gemeinschaftsräume beherbergt.

Das Fathers House, in dem wir das kommende Jahr über leben werden

Eindrücklicher als das Haus war jedoch die Begrüßung die uns zu Teil wurde. Als unser Jeep auf den Hof fuhr standen schon 60 Schüler um uns herum. Die Internatsschüler, hier Hostelboys genannt, freuten sich schon sehnsüchtig auf die Ankunft der neuen Volunteers, nach dem sie bereits mit unseren Vorgängern sehr viel Spaß hatten. Als ich aus dem Auto ausstieg standen sie alle um uns herum gaben uns die Hand und ein Stimmenmeer erklang: „Hello Sir, how do you like India?“ Auch unsere Koffer konnten wir nicht ausladen, diese hatten die Schüler bereits gepackt und auf unsere Zimmer geschleppt.

Von den Jungs ins Haus geführt, begrüßten uns auch prompt die Fathers. Als Father werden hier in Indien die Priester angesprochen. Zu unserer Anreise waren sogar einige noch dazu gekommen, die normal nicht hier in Baghmara leben.

Nach dem Mittagessen im Haus und einigen Gesprächen, hatten wir Zeit unsere Zimmer zu beziehen. Diese sind relativ einfach gehalten. Wir haben ein Bett, dessen Matratze aus zwei dicken Decken besteht und deshalb hart ist, einen Schreibtisch und einen Schrank. Das Bad mit „Western Style Toilet“ und Dusche ist auch in Ordnung.

Zu diesem Zeitpunkt hatten Florian und ich eine kleinen Kulturschock. Das heiße Klima mit hoher Luftfeuchtigkeit und Temperaturen über 40 Grad zehrte ordentlich an unseren Kräften. Auch hatten wir Probleme mit unserem Father zu reden. Zum einen konnten wir ihn nicht gut verstehen, da er relativ undeutlich spricht, zum anderen war wie eine Wand zwischen uns. Wenn er ein Gespräch startete dauerte dieses nie länger als 1 1/2 Minuten bevor es schon wieder zu Ende war.

Ein weiteres Problem ist die Strom- und Wasserversorgung. Oft gibt es hier untertags einige Minuten in denen wir kein Strom oder Wasser haben. In der Nacht kann sich das auf einige Stunden ausweiten. So kam es auch schon einige Male vor, dass ich unter der Dusche stand und für eine oder zwei Minuten kein Wasser hatte.

Zu dem kamen noch einige strikte Regeln, wie beispielsweise, dass wir das Gelände ab 21.00 Uhr nicht mehr verlassen dürfen oder wenn wir mit den Fathers zusammen sind nicht unter einander Deutsch reden sollen.

Ein ganzes Jahr hier, das kann schon heiter werden.

Eine Person, die uns half aus diesem Kulturschock zurück zu kommen war Father Damian Tudu. Dieser Jesuit lebt auch mit uns in Baghmara. Mit dem Abschluss seines Drittstudiums (nach Theologie und Philosophie) kam er vor sechs Monaten hier in den Norden, nach dem er den bisherigen Teil seines Lebens im Süden Indiens verbracht hatte. Mit seiner netten und offenen Art fiel es uns leicht auch länger mit ihm zu reden und auch Witze zu machen. Er erzählte uns viel über Land und Leute, das Klima in Indien und war auch sehr interessiert daran, mehr über Deutschland zu erfahren.

Auch das gute Essen, war meiner Meinung nach ein Faktor der geholfen hat. Während die indische Küche oft als übermäßig scharf beschrieben wird, konnten wir davon noch nichts bemerken. Besonders gut sind die Bananen und Mangos die im Schulgarten wachsen. Diese dienen zur eigenen Versorgung und zusätzlich auch als Erwerb für die Schule, in dem sie verkauft werden.

Fein aufgereiht, die einzelnen Gerichte. Darüber Papst, Generaloberer und Ortsbischof, alle drei Jesuiten.

Am Montag hieß es schon früh aufstehen, um 6 Uhr ist in der Kapelle des Hauses Heilige Messe für die Hostelboys. Während die Messfeier an sich sehr schön ist und auch klar ignatianisch (also jesuitisch) geprägt, gibt es auch hier Punkte an denen ich mich reibe. Ein Punkt ist, dass die Messe Pflichtprogramm für die Jungen im Hostel ist, obgleich nur 9 von den 80 Hostelboys Katholiken sind. Das, obwohl die Schule sehr darauf Wert legt, dass die Schüler ihren eigenen Glauben leben und niemanden konvertieren wollen.

Auch die Vorbereitungsgebete, die circa zehn Minuten vor dem Gottesdienst beginnen sind sehr volkfromm angelegt. So steht hier die Marien- und Herz Jesu Verehrung nochmal an einer wesentlich wichtigeren Stelle als bei uns. Diese Aspekte, die auch für mich persönlich sehr wichtige Elemente katholischer Spiritualität sind, werden hier in sehr geschwollene und geschwungene Worte gefasst, die mir fast zu viel sind.

Nichts desto trotz gibt es wie oben gesagt auch sehr schöne Punkte in der Gestaltung der Liturgie hier. So werden beispielsweise jeweils nach den Wandlungsworten die Worte des Heiligen Thomas gesprochen, welche er an Jesus nach seiner Auferstehung wendet, als er seine Seitenwunde berührt: „My Lord and my God“, „Mein Herr und mein Gott“

Nach der Messe haben Florian und ich nochmal eine Stunde um weiter zu schlafen, bevor es um 8 Uhr Frühstück gibt.

Der Montag Morgen war geprägt von Papierkram. Zusätzlich zum Visaantrag, der in Deutschland gestellt werden musste, ist in Indien auch eine Registrierung nötig. Bevor wir diese erhalten haben, dürfen wir das Gelände noch nicht alleine verlassen und nicht mit unserer Arbeit in der Schule beginnen. Bei dieser half uns unser Projektpartner Father Jacob, der sich bereits gut damit auskannte. Durch die Registrierung wurden wir auch vertrauter mit Father Jacob, mit dem wir mittlerweile auch gute Gespräche haben.

Nach dem Mittagessen um halb 2 haben Florian und ich den Mittag so ziemlich zur freien Verfügung. In dieser Zeit arbeiteten wir an unseren Blogs, tauschten uns aus und verschlafen auch einige Zeit.

Am Dienstag wieder das gleiche Procedure wie am vorhergegangenen Tag. Jedoch verließen wir am späten Morgen zum ersten Mal das Gelände und machten uns auf nach Purnea, die nächste Stadt zu unserer Schule. Mit uns fuhren Father Jacob und Father Lazar. Letzterer ist der Sekretär der Schule und der Jesuitenkommunität.

Auf dem Weg machten wir uns noch in Baghmara beim hiesigen Arzt vertraut, da wir diesen in einem Jahr bestimmt mal besuchen müssen.

Danach besuchten wir in Purnea den Campus von St. Peter, ebenfalls eine Jesuitenschule mit Hostel, an der 1300 Schüler unterrichtet werden. Auf dem Gelände befindet sich auch die Kathedrale der Diözese Purnea, sowie das Bischofshaus. Der amtierende Bischof, Angelus Kujur ist auch Ordensmitglied der Gesellschaft Jesu (Jesuiten), also mit unseren Fathers und der Schule sehr gut verknüpft. Beim Darjeeling Tee in der St. Peters School wurde uns schon zugesichert, dass wir ihn morgen treffen dürfen.

Danach fuhren wir auf die Polizeistation, auf der wir registriert werden sollten. Unsere Fathers hatten bereits Pralinen für den Beamten gekauft, als milde Gabe um den ganzen Prozess schneller und problemlos zu gestalten.

Zu unserer eigenen Überraschung war der Besuch der Polizeistation absolut kein Problem. Wir wurden freundlich begrüßt und unsere Pralinen wurden abgelehnt. Nach einigen Gesprächen zwischen unseren Fathers und den Beamten auf Hindi, denen wir nicht folgen konnten wandte sich der Polizeibeamte an uns. Er sagte uns zu, dass er begeistert davon wäre, was wir hier machen und, dass es ein großer Dienst für Indien sei. Die einzige Frage die er uns stellte war, ob wir Geld verdienen, was wir mit Nein beantworteten, da wir ja lediglich ein Taschengeld erhalten.

Danach hieß es Shoppen für uns. In Indien wird sehr viel Wert auf Etikette gelegt. Vor allem in der Schule, in der die Schüler Uniformen tragen ist es wichtig sich gut zu kleiden. So tragen beispielsweise die Jesuiten wenn sie in die Schule gehen ihre weißen Soutanen (körperlanger Gehrock für Priester), während sie außerhalb ganz normal gekleidet sind. Für uns heißt es wie für die Lehrer, Hemden und lange Hosen. Diese Kleidung ist jedoch keineswegs eine Qual, da die luftigen Hemden und Stoffhosen wesentlich besser geeignet sind, als beispielsweise eine Jeans. Mit vier Hemden und Hosen ging es zurück nach Baghmara.

Nach einiger Freizeit kam unser Father zu uns hoch: „Florien, Simon dress yourself up, the Bishop is comming!“ Der Bischof kam uns mit dem Besuch zu vor. Nach dem wir uns angezogen hatten warteten wir im Speisesaal des Hauses auf die Ankunft des Bischofs. Dort erklärte uns Father Robinson, der Vierte Jesuit im Haus, dass man einen Bischof mit „Your Exillency“ anspricht und den Ring zur Verehrung küsst.

Nun erwartete ich einen indischen Bischof in vollem Ornat, mit gebürsteter Soutane und goldenem Brustkreuz. Als ich dann auf die Terrasse des Hauses kam, war ich leicht desillusioniert. Der Bischof saß auf einem Stuhl, mit einem Hemd, kurzer Hose und Sandalen. Nicht mal einen Ring oder ein Brustkreuz trug er. Er reichte die Hand zum Handschlag und war sehr erfreut uns kennenzulernen. Meine Anrede „Your Excillency“ schien ihn nicht groß zu interessieren. Wir hatten ein schönes Gespräch mit ihm, über seinen Besuch in Deutschland vor einigen Jahren, bei dem er auch Konstanz besuchte.

Nach dem er wieder nach Purnea gefahren war, ließen Florian und ich unseren Tag wieder gemeinsam ausklingen.

Am Mittwoch konnten wir vom Dach des Fathers House die Schüler auf dem Vorplatz der Schule beobachten, wie sie sich auf den Unabhängigkeitstag vorbereiteten. Dieser Nationalfeiertag ist für die Inder sehr wichtig, so merkte beispielsweise Father Jacob in der Morgenmesse an, dass sich die Schüler gut darauf vorbereiten sollen und dass sie dankbar sein sollen für diesen Tag, an dem Indien frei wurde. Teil des Festprogramms war das Exerzieren auf dem Schulplatz. Im Rahmen dieser Vorbereitung wurden wir nun offiziell den Schülern vorgestellt. Nach dem der Mädchenchor der Schule ein Lied für uns sang, begrüßten uns Father Lazar sowie die oberste Schulleiterin Sister Pauline und drückten ihre Freude über unser Kommen aus. Dies war ein wirklich bleibender Moment für mich.

Die Schüler sind unabhängig von Independence Day in vier Gruppen eingeteilt, welche nach wichtigen Jesuiten benannt sind. Zum Bespiel das Loyola House nach dem Ordensgründer Ignatius von Loyola oder das Kostka House nach dem Heiligen Stanislaus Kostka.

Florian und ich waren schon sehr gespannt auf das Programm des kommenden Tages. Als wir am Abend des Mittwochs nochmal zum Schulgelände liefen, sahen wir, dass alle noch kräftig am Vorbereiten waren. So wurde aufgeräumt und ein Fahnenmast aufgebaut.

Nach der Morgenmesse am heutigen Unabhängigkeitstag, ging es um 8.00 Uhr los zum Schulgelände. Zum Festprogramm begrüßte die Schule herzlich den Ehrengast, eine Abgeordnete des Bundesstaats Bihar, sowie ihren Gatten.

Nun ging es richtig los. Die Schüler marschierten in den einzelnen Gruppen mit Fahnen an uns vorbei und zeigten wirklich militärische Disziplin, wie wir sie so in Deutschland von Schulen nicht ein mal ansatzweise kennen.

Die Flaggenhissung ist ein wichtiger Teil der Zeremonie, dahinter aufgereiht die Schüler

Im Anschluss an diese Zeremonie, begann der alljährliche Wettbewerb der einzelnen Gruppen. Jede Gruppe zeigte eine Tanzchoreographie mit der sie ein aktuelles politisches Thema darstellen. Diese wurde dann im Anschluss von einer Jury, bestehend aus drei Fathers, der Schulleiterin sowie Florian und mir bewertet. Die Darbietungen waren wirklich faszinierend und man merkte dass sich die Gruppen sehr viel Mühe gaben, in der Inszenierung als auch in der Umsetzung. Hierfür hatten sie wochenlang geprobt.

Mein Mitfreiwilliger Florian hat hierzu ein Video geschnitten und auf Youtube gestellt, welches ihr unten eingefügt findet:

Im Anschluss daran wurden die Sieger bekannt gegeben.

Neben der Choreographie gab es auch einen Malwettbewerb in der zweiten Klasse und einen Vorlesewettbewerb in der ersten, wenngleich diese bereits vor dem Independence Day gewertet wurden.

Nach dieser unglaublichen Erfahrung gingen wir zurück ins Fathers House, wo das festliche Mittagessen schon bereit stand, es war ja nicht nur Unabhängigkeitstag, sondern auch das Hochfest Mariä Himmelfahrt.

Abschließend kann man sagen, dass Florian und ich uns immer mehr einleben. Nach dem Kulturschock am Anfang freunden wir uns immer mehr mit den Jesuiten und dem Ort hier an.

Wir hoffen, dass die Registrierung bald abgeschlossen ist und wir dann in der Schule mit unserer Arbeit beginnen können

Ein Gedanke zu „Good Morning Sir, how do you like India?“

  1. Lieber Simon, Schick doch mal ein Bild von Euch, wenn ihr ordentlich gekleidet seid. Ansonsten recht spannend deinen und den Blog von Florian zu lesen.

    Übrigens was ist eine ignatianisch geprägt Messe?

    Deinen Blog habe ich nur über Florians Video gefunden…

    Dir und Euch einen gesegneten Sonntag.

    Gruß Thomas

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